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Neuro & Kognition

Selank — der russische Angstlöser ohne Sedierung

Ein Peptid, das in Russland seit 2009 als Nasenspray gegen generalisierte Angststörung zugelassen ist, mit dem Anspruch, benzodiazepin-ähnliche Wirkung ohne deren Nebenwirkungen zu bieten. Dieser Leitfaden zeigt, was die Studien tatsächlich belegen.

Von David MüllerAktualisiert Juli 2026Lesezeit 10 Min.

Das Wichtigste in Kürze

  • Was: Selank ist ein Heptapeptid, abgeleitet vom Immunmodulator Tuftsin, entwickelt in Russland.
  • Wirkung: Anxiolytisch (angstlösend) über Hemmung enkephalinabbauender Enzyme und Modulation des GABA-Systems, ohne Sedierung.
  • Dosierung: In der russischen Zulassung als Nasenspray, 1.350–2.700 µg täglich. Kontext im Peptid-Atlas.
  • Datenlage: Klinische Humanstudie bei generalisierter Angststörung, aber überwiegend aus einer russischen Forschungstradition.
  • Recht: Seit 2009 in Russland zugelassen, in der EU/DACH-Region nicht zugelassen.

Was ist Selank?

Selank ist ein synthetisches Heptapeptid mit der Sequenz Thr-Lys-Pro-Arg-Pro-Gly-Pro, entwickelt am Institut für Molekulargenetik der Russischen Akademie der Wissenschaften. Es basiert auf einem kurzen Fragment der schweren Kette des menschlichen Immunglobulins G — genauer auf Tuftsin, einem natürlich vorkommenden Immunmodulator — und wurde am C-Terminus mit dem Tripeptid Pro-Gly-Pro verlängert, um die metabolische Stabilität und Wirkdauer zu erhöhen.

Selank wird primär als Anxiolytikum (Angstlöser) beschrieben, mit dem Anspruch, eine Wirkung ähnlich klassischer Benzodiazepine zu erzielen, jedoch ohne deren typische Nebenwirkungen wie Sedierung, Muskelentspannung, kognitive Beeinträchtigung oder Abhängigkeitspotenzial. Seit 2009 ist Selank in Russland als 0,15%iges intranasales Präparat zur Behandlung von generalisierter Angststörung und Neurasthenie zugelassen.

Wichtig für die Einordnung: Wie bei mehreren anderen hier besprochenen Peptiden aus russischer Forschung stammt der überwiegende Teil der publizierten Evidenz aus einem relativ kleinen Kreis russischer Institutionen, mit bislang begrenzter unabhängiger internationaler Replikation.

Wirkmechanismus: Was die Forschung nahelegt

Selank wird über mehrere sich ergänzende Mechanismen beschrieben:

  • Hemmung enkephalinabbauender Enzyme: Selank hemmt Enzyme, die körpereigene Enkephaline (schmerz- und stimmungsrelevante Opioidpeptide) abbauen, was deren Wirkdauer verlängern könnte — ein vorgeschlagener Mechanismus für die anxiolytische Wirkung.
  • GABAerge Modulation: In Radioligand-Bindungsstudien wirkte Selank als positiver allosterischer Modulator der GABA-Bindung, ähnlich dem Wirkprinzip von Benzodiazepinen, jedoch über eine andere Bindungsstelle.
  • BDNF-Normalisierung: Es gibt Hinweise, dass Selank die Expression des Wachstumsfaktors BDNF beeinflusst, der eine Rolle bei Stressresilienz und neuronaler Plastizität spielt.
  • Immunmodulation: Als Tuftsin-Derivat wird Selank auch eine Wirkung auf das Immunsystem zugeschrieben, inklusive untersuchter antiviraler Effekte.

Wichtig für die Einordnung: Der postulierte GABA-Mechanismus konnte in mindestens einer Zellkulturstudie an Genexpressionsebene nicht bestätigt werden, was zeigt, dass die genauen molekularen Details noch nicht vollständig geklärt sind.

Dosierung von Selank

In der zugelassenen russischen Anwendung wird Selank als Nasenspray verabreicht, mit Tagesdosen im Bereich von 1.350 bis 2.700 Mikrogramm, aufgeteilt auf mehrere Anwendungen. In der zentralen klinischen Studie wurde eine Dosis von 2.700 µg/Tag über 14 Tage bei generalisierter Angststörung getestet.

Diese Schemata stammen aus einem spezifischen regulatorischen und klinischen Kontext in Russland. Eine unreflektierte Übertragung auf den Eigengebrauch außerhalb dieses Rahmens ist nicht durch dieselbe Evidenzbasis gedeckt.

Aus diesem Grund geben wir hier keine pauschale Dosierungsempfehlung. Kontextinformationen zu Selank und über 80 weiteren Compounds sind im Element 6 Peptid-Atlas dokumentiert.

Wichtige Einordnung: Selank ist in der EU, der Schweiz und den USA nicht zugelassen. Es ist in Russland als Arzneimittel registriert, was jedoch keine Zulassung außerhalb Russlands bedeutet. Die Anwendung nicht zugelassener Substanzen kann erhebliche Risiken bergen und gehört in ärztliche Hände.

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Studienlage & Evidenz

Selank ist eines der wenigen hier besprochenen Peptide mit einer echten kontrollierten klinischen Humanstudie. Drei zentrale Arbeiten:

Zozulya et al. (2008) — Klinische Studie bei generalisierter Angststörung und Neurasthenie

In dieser Studie mit 62 Patienten wurde Selank (30 Patienten) mit dem Benzodiazepin Medazepam (32 Patienten) über 14 Tage verglichen. Beide Substanzen zeigten vergleichbare anxiolytische Effekte auf Hamilton- und Zung-Skalen, wobei Selank zusätzlich antiasthenische und leicht psychostimulierende Effekte zeigte, die bei Medazepam fehlten.

PubMed 18454096 ↗

Zozulya et al. (2001) — Hemmender Effekt auf enkephalinabbauende Enzyme

Diese Arbeit identifizierte einen möglichen molekularen Mechanismus: Selank hemmte Enzyme, die für den Abbau von Enkephalinen verantwortlich sind, was zur postulierten anxiolytischen Wirkung über das körpereigene Opioidsystem beitragen könnte.

PubMed 11550013 ↗

Kolik et al. — Selank verstärkt die Wirkung von Diazepam bei Ratten unter chronischem Stress

In diesem Tiermodell milderte Selank in Kombination mit dem Benzodiazepin Diazepam die Angstindikatoren unter chronischem, unvorhersehbarem Stress stärker als Diazepam allein, mit einer im Vergleich milderen Wirkung von Selank bei alleiniger Gabe.

PMC5322660 ↗

Das Gesamtbild: Selank gehört zu den wenigen Peptiden dieser Übersicht mit einer echten randomisierten Vergleichsstudie am Menschen gegen ein etabliertes Medikament. Das ist bemerkenswert. Gleichzeitig stammt praktisch die gesamte Evidenzbasis — von der Grundlagenforschung bis zur klinischen Studie — aus einem eng verbundenen russischen Forschungsnetzwerk, was unabhängige internationale Bestätigung wünschenswert macht.

Realistische Erwartungen

Selank zeigt in der vorliegenden klinischen Studie eine der Standardtherapie vergleichbare anxiolytische Wirkung, mit dem zusätzlichen Vorteil, nicht zu sedieren. Das ist ein für ein Forschungspeptid ungewöhnlich konkretes Ergebnis. Die Studie war jedoch mit 62 Teilnehmern klein, unverblindet in Teilen der Berichterstattung, und stammt wie die gesamte Selank-Forschung aus einer einzigen Ländertradition.

Für eine international breit akzeptierte Bewertung wären größere, methodisch strengere und unabhängig durchgeführte Studien wünschenswert. Bis dahin bleibt Selank ein interessantes, aber regional begrenzt validiertes Peptid.

Rechtslage & Sicherheit

Selank ist seit 2009 in Russland als intranasales Arzneimittel zur Behandlung von generalisierter Angststörung und Neurasthenie zugelassen. In der Europäischen Union, der Schweiz und den USA besteht keine entsprechende Zulassung.

Zum Nebenwirkungsprofil: In den vorliegenden Studien wird Selank überwiegend als gut verträglich beschrieben, ohne Hinweise auf Abhängigkeitspotenzial, Entzugserscheinungen oder relevante Immunreaktionen. Die Substanz wird nach oraler oder nasaler Gabe rasch metabolisiert und renal ausgeschieden. Auch hier gilt: Die überwiegende Mehrheit der Sicherheitsdaten stammt aus russischen Forschungsinstitutionen, unabhängige internationale Replikation ist begrenzt.

Häufige Fragen

Was ist Selank?

Selank ist ein synthetisches Heptapeptid, abgeleitet vom Immunmodulator Tuftsin, das in Russland als angstlösendes Nasenspray zugelassen ist.

Ist Selank zugelassen?

Ja, seit 2009 in Russland für generalisierte Angststörung und Neurasthenie. In der EU, der Schweiz und den USA nicht zugelassen.

Wirkt Selank wie ein Benzodiazepin?

In einer klinischen Studie zeigte Selank ähnliche angstlösende Effekte wie das Benzodiazepin Medazepam, jedoch ohne dessen Sedierung.

Wie wird Selank dosiert?

In der russischen Zulassung als Nasenspray, 1.350–2.700 µg täglich. Kontextinformationen im Peptid-Atlas.

Ist Selank in Deutschland legal erhältlich?

Selank ist kein zugelassenes Arzneimittel und wird nur als Forschungssubstanz gehandelt.

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